Neues aus Neuland – Wahlkampf in den sozialen Medien

Die Parteien in Deutschland haben in Sachen Social Media dazugelernt. Luft nach oben bleibt trotzdem.

Wie deutsche Parteien Social Media nutzen.

Das sollte jetzt hoffentlich keine bahnbrechend neue Erkenntnis sein, aber demnächst wird gewählt in Deutschland. Selbst Menschen, die sich naiv als „unpolitisch“ bezeichnen, stolpern derzeit in ihrem garantiert unpolitischen Alltag über Plakate, auf denen freundliche und zumeist ältere Herrschaften (und Christian Lindner natürlich) versprechen, dass sie das Land wahlweise nach vorne bringen, sicherer machen, lieben oder verstehen. Ab dem 25.9. zeigt sich dann, dass das gar nicht so einfach ist und schicke Einzeiler auf großen Plakaten nur wenig mit der politischen Wirklichkeit zu tun haben.

Da mittlerweile ein großer Teil unseres Alltags online stattfindet, erreicht man auch als Politiker seine potentiellen Wähler im Netz. Wir haben uns angeguckt, wie die (größeren) Parteien in den sozialen Medien aufgestellt sind und – Achtung Spoiler! – für die ein oder andere ist das Internet offenbar noch immer eher Neuland.

Als weltweit größte Social Media Plattform ist Facebook natürlich auch für die Parteien in Deutschland eine wichtige Bühne. Erfolgreichste Partei (nach Likes) ist hier die AfD, die über 330.000 Personen gefällt. Der aggressive Ton und die regelmäßigen Angriffe auf andere Partien polarisieren und sorgen alleine deshalb schon für Interaktionen, gerade zwischen Fans und Gegnern. Viel moderiert wird hier allerdings nicht. Die Seitenbetreiber glänzen durch Abwesenheit und nehmen selten Stellung zu den Beiträgen der Besucher.

Das sieht bei den anderen Parteien meistens anders aus. Hier wird das Gespräch mit der Zielgruppe gesucht und gerade auch kritische Nachfragen mal seriös, mal mit einem Augenzwinkern beantwortet. Inhaltlich geht es natürlich vornehmlich um die eigene Agenda, vor Terminen der Spitzenkandidaten und natürlich der ein oder anderen Spitze gegen die Konkurrenz.
Noch einen Schritt weiter ging ausgerechnet die CSU. Ihr Chatbot Leo besticht aber leider eher durch leidlich witzige Memes gegen die Grünen, als mit tatsächlichen Inhalten. Von daher muss es hier heißen „Chance verpasst“.

Die Likes der Parteien bei Facebook

(Stand 22.8.2017)


AfD: 332.495
Die Linke: 200.764
SPD: 153.087
Bündnis 90/Die Grünen: 145.804
CDU: 138.884
FDP: 101.857

Die Schwesterpartei CDU liegt zwar mit knapp 130.000 Likes vor der FDP auf dem vorletzten Platz, kann aber in Sachen Kanzlerkandidatin punkten: Angela Merkels fast zweieinhalb Millionen Likes sind hier ein echtes Faustpfand. Zur Einordnung: die zweitplatzierte Sahra Wagenknecht kommt auf 381.560 Fans, der vermeintliche Topherausforderer Martin Schulz hat sogar nochmal knapp 30.000 weniger. Auf dem letzten Platz liegt Dietmar Bartsch mit nichtmal 34.000 Likes. Lediglich Alexander Gauland hat kein eigenes Profil.

Die Likes der Spitzenkandidaten bei Facebook

(Stand 22.8.2017)


Angela Merkel (CDU): 2.487.199
Sahra Wagenknecht (Die Linke): 381.560
Martin Schulz (SPD): 353.496
Christian Lindner (FDP): 161.233
Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen): 126.872
Alice Weidel (AfD): 58.541
Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen): 33.903
Dietmar Bartsch (Die Linke): 33.544
Alexander Gauland (AfD): /

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Ein ganz anderes Ranking ergibt sich bei Instagram. Die Grünen können hier mit 13.200 Abonnenten die meisten Menschen für sich begeistern. Mit ihrem Account greifen sie vielfach das Design ihrer Wahlplakate auf, punkten mit angemessenem Hashtag-Einsatz, dem ein oder anderen Video und Querverweisen zu ihren anderen Kanälen. Das Konzept scheint durchdacht.

Auch die FDP, immerhin die Partei mit dem Wahlplakat „Digital first. Bedenken second.“, funktioniert auf Instagram deutlich besser als auf Facebook. Eine stringente Bildsprache ist auf einer Bilderplattform sicher nicht verkehrt und wird hier (größtenteils) durchgezogen. Dass der Fokus sehr stark auf Spitzenkandidat Lindner gelegt wird, kann man kritisieren, ist vielleicht aber auch nicht so dumm und wird von CDU und SPD und ihren jeweiligen Kandidaten ja auch nicht anders gemacht. Letztere verfolgen zwar übrigens keine homogene Bildsprache, ziehen dafür aber mit Jugendfotos von Andrea Nahles und Martin Schulz ins Feld. Auch das ist Geschmacksache, dafür aber zumindest definitiv mal etwas anderes.

Die Abonnenten der Parteien bei Instagram

(Stand 22.8.2017)


Bündnis 90/Die Grünen: 13.200
FDP: 11.600
SPD: 11.200
Die Linke: 11.200
CDU: 10.200
AfD: 5.615

Für einige Häme hat die CDU mit ihrem Hashtag #fedidwgugl („Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“) gesorgt. Mit einigem Abstand muss man sagen, dass die seltsame Buchstabenkombination wirklich nicht besonders gut funktioniert. Da liegen die anderen Parteien vorne, deren Botschaften zumindest schneller hängenbleiben. Auch bei Twitter können (etwas überraschend) die Grünen die meisten Follower generieren. Ihr #DarumGruen überzeugt 343.000 Menschen. Die restlichen Parteien liegen zwischen ca. 68.000 (AfD) und 316.000 (SPD). Das größte Sendungsbewusstsein hat die SPD mit über 20.000 Tweets, fast dreimal so viel wie die Liberalen mit knapp 7.000.

Die Follower der Parteien bei Twitter

(Stand 22.8.2017)


Bündnis 90/Die Grünen: 343.000
SPD: 316.000
FDP: 225.000
CDU: 209.000
Die Linke: 189.000
AfD: 68.100

Was aber sagt uns das alles? Kommt es also bei der Wahl zu einem Kopf an Kopf rennen zwischen Grünen und SPD? Scheitert die CDU krachend? Regiert die AfD demnächst mit? Wohl nicht bzw. Gott bewahre. Wahlen werden nach wie vor nicht im Internet gewonnen und das ist letztendlich ja auch gut so. Trotzdem haben die Parteien alle dazugelernt. Die berühmte Rede, in der Kanzlerin Merkel das Internet als Neuland bezeichnete und dafür kritisiert und ausgelacht wurde, ist nur wenige Monate älter als die letzte Bundestagswahl. Seitdem haben die Parteien Strategien entwickelt und bespielen die verschiedenen Kanäle deutlich durchdachter. Trotzdem hat der ein oder andere noch einige Luft nach oben. Politische Botschaften gehen unter, wenn die Bildsprache nicht stimmt und Nachfragen nicht beantwortet werden und selbstverständlich bleibt das altbekannte Problem mit der berühmt-berüchtigten Filterblase. Will man also Wähler dazugewinnen, muss man doch wieder bei Wind und Wetter in den Fußgängerzonen der Republik mit Straßenmusikanten um die Aufmerksamkeit der Einkaufswütigen buhlen. Das wiederum klingt doch nach einer spannenden Story für Instagram.